GEMA HACKEN – Interview mit Kain Schwarz

gemahacken

Hallo Herr Schwarz, bitte stellen Sie sich kurz unseren Lesern vor.

Mein Name ist Kain Schwarz, ich bin Musiker und Kulturreferent der Gruppe Tribalradix, einer Zelle des P-Packs.

Sie haben auf Pledgebank.org folgendes Versprechen abgegeben: “Ich werde versuchen die GEMA dazu zu bringen, ihre Verträge bezüglich Creative Commons zu ändern, aber nur wenn 10 andere Menschen vor Ort dasselbe tun.” Was genau wollen Sie damit erreichen?

Es muss für jeden Künstler die Möglichkeit geben selbst zu wählen, unter welche Lizenz er sein Werk stellt. Die GEMA erlaubt es ihren Mitgliedern nicht, Creative Commons Lizenzverträge zu verwenden. Das bedeutet, dass ein Musiker, der GEMA-Mitglied ist, nicht selbst entscheiden darf, inwieweit und zu welchem Preis die Öffentlichkeit seine Musik sampeln, kopieren oder anderweitig nutzen darf, weil das die GEMA nicht vorsieht. Das bedeutet auch, dass kein Musiker, der CC-Lizenzen verwendet, mit einem Mitglied der GEMA gemeinsam ein Werk erschaffen kann, ohne dass dieses Werk automatisch in das Repertoire der GEMA einfließt. Das ist absolut inakzeptabel und kann meiner Auffassung nach auch nicht rechtmäßig sein. Ich will erreichen, dass die GEMA sich strukturell an die neuen Gegebenheiten kulturellen Schaffens anpasst und ihre Mitglieder nicht länger bevormundet.

Haben Sie das Gefühl, dass es viele Künstler bei der GEMA gibt, die darauf Wert legen?

Nein, eigentlich nicht. (Herrn Schwarz scheint diese Frage sehr zu amüsieren, er klopft sich lachend auf die Schenkel – Anm. des Autoren) Ich frage Sie aber: Wollen wir hier wirklich warten bis der Berg zum Propheten kommt? Es gibt eine wachsende Zahl von Künstlern, die mit der Arbeit der GEMA unzufrieden ist — und schließlich sind Zahlen doch wichtig für solche Institutionen. Denn nicht nur das veraltete Verständnis von Lizenzen spricht gegen sie, sondern auch die Art und Weise, wie die GEMA Tantiemen verteilt, ist ungerecht, undemokratisch und nach außen völlig intransparent. Wenn Sie mich fragen, so sage ich Ihnen: diese Maschine läuft nicht mehr. Es kann nicht sein, dass die Spitzenverdiener aus der Branche auch noch Quasi-Bonuszahlungen aus nicht direkt zuzuordnenden Einnahmen ausTantiemen erhalten.

Die GEMA ist laut eigener Aussage nicht der Meinung, es ließe sich mit Creative-Commons-Werken Geld verdienen.

Im GEMA Brief, Ausgabe 59 aus dem Jahre 2006, schreibt die GEMA folgendes: “Insbesondere hat der Schöpfer geistiger Werke in diesem System (gemeint ist das Creative Commons System – Anm. des Autoren) keine Aussicht, von seiner Kreativität leben zu können, da er keine Vergütung für die Nutzung seiner Werke erhält”. Das ist Unsinn. Allerdings würde ich das vielleicht auch sagen, wenn ich meine Vormachtsstellung verteidigen wollte. Man könnte fast vermuten, dass die GEMA das “System” einfach nicht verstanden hat, was allerdings noch viel schlimmer wäre.

Herr Schwarz, glauben Sie, es wäre sinnvoll eine art Creative Commons Verwertungsgesellschaft in Deutschland zu gründen?

Ich halte das für wenig sinnvoll. Der Aufwand wäre enorm und der gewünschte Effekt wahrscheinlich eher marginal. Zumal ich fest davon ausgehe, dass die GEMA Creative Commons Lizensierungen durch ihre Mitglieder früher oder später wird akzeptieren müssen. Es wäre allerdings ein geeignetes Mittel um den Druck auf die GEMA zu erhöhen.

Haben Sie denn das Gefühl, es existiere bereits öffentlicher Druck auf die GEMA?

Oh ja, auf jeden Fall! Nehmen Sie allein Jamendo Pro. Seit einiger Zeit bereits bietet Jamendo unter pro.jamendo.com Gastronomen und Gewerbetreibenden die Möglichkeit,
Hintergrundmusik für ihren Betrieb zu abonnieren und so die Abgaben an die GEMA zu sparen. Künstler haben hier die Möglichkeit anzugeben, wofür ihre Werke genutzt werden dürfen
und Jamendo Pro bietet Verwertern ein automatisiertes Verfahren zur Lizensierung solcher Werke an. Das kann ein Film sein, den ich vertonen möchte, ein Werbespot oder einfach nur ein Tonträger, den ich veröffentlichen will. Das ist eine ernstzunehmende und lange nicht die einzige Konkurrenz für die GEMA.

Glauben Sie, dass sich das Urheberrecht reformieren läßt?

Ich will es hoffen. Eines ist jedenfalls sicher: das Festhalten an alten und überholten Systemen führt zur Zerstörung derselben. Die normative Kraft des Faktischen, die kostenlose Downloads längst zur Normalfall hat werden lassen, wird dieses Urheberrecht hinwegfegen, falls es nicht reformiert wird. Um bei Jelinek zu bleiben: “Das Recht wird also, als das erhaltende Moment, das Minimum der Normen eines bestimmten Gesellschaftszustandes bilden, d.h. diejenigen Normen umfassen, welche die unveränderte Existenz eines solchen sichern.” Wenn ein Recht nicht länger wirksam ist, d.h. eine Norm darstellt, welche von niemandem befolgt wird, muss dieses der Realität angepasst werden. Wenn die GEMA und Künstler das nicht langsam begreifen, ist es bald vorbei mit dem Geldsegen von der GEMA. So einfach kann das sein…

Herr Schwarz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Comments are closed.

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Germany.